Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 1)

„Ich arbeite ganzheitlich“ so oder so ähnlich hören oder lesen wir von Coaches. Gemeint ist meist: "Ich sehe den ganzen Menschen" als Einheit von Körper, Geist und Seele. Gedanken, Gefühle, Beziehungen, ja sogar die Rollen in der Arbeitswelt als authentischer Ausdruck der Persönlichkeit gehören dazu und zusammen. Wer sich nur ansatzweise mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns beschäftigt hat, erkennt sofort, warum das Wort „Ganzheitlichkeit“ nicht gerade das Markenzeichen von Systemtheoretikern ist. Dazu mehr im folgenden Beitrag.
Die Irritation: Trennung statt Verschmelzung
Die Systemtheorie bricht mit dem Alltagsverständnis der Einheit. Sie unterscheidet strikt zwischen drei Systemtypen:
- Der Organismus: Er reproduziert sich durch ein Netzwerk biochemischer und anatomisch‑physiologischer Prozesse.
- Das psychische System (Bewusstsein): Es operiert in Form von Gedanken und Gefühlen.
- Das soziale System: Es operiert durch Kommunikation.
Was wir im Alltag Menschen zuschreiben, verteilt die Systemtheorie radikal auf drei operativ getrennte Systeme. Das heißt: Der Organismus denkt und fühlt und versteht nicht - er lebt, reguliert sich, reagiert physiologisch. Das psychische System kommuniziert nicht, handelt nicht, steuert den Körper nicht zwangsläufig linear, erzeugt keine sozialen Strukturen - es denkt, fühlt, erinnert, imaginiert. Das soziale System denkt und fühlt nicht, nimmt nicht wahr - es kommuniziert. Ist systemtheoretisches Denken also unvereinbar mit dem Gedanken von „ganzheitlichem“ Coaching? Ich mache hier einen Erklärungsversuch, warum Systemtheorie trotz der Trennung den ganzen Menschen im Blick hat.
Die Systemtheorie trennt nicht den Menschen, sondern die Erklärungsebenen
Die Trennung der Systeme wirkt zunächst irritierend. Schließlich erleben wir uns selbst als Einheit: Ich denke, fühle, handle – gleichzeitig. Das eine scheint das andere oft zwangsläufig zu bedingen. Zunächst einmal stellt sich ob der Komplexität der Verwobenheit die Frage, wie und wo ich überhaupt Veränderungen erklären oder gar anstoßen kann. Mit einer verschmolzenen Einheit der Systeme wird die Beobachtung von einem System auf das Andere eingeschränkt und es fehlt die Möglichkeit, Unterschiede zwischen dem Einen und dem Anderen zu machen. Wenn alles so eng miteinander verhakt scheint, dann sind auch keine Zwischenräume für Irriationen, Bewegung, Lernen und neue Lösungen zu entdecken.
Systemtheoretisch ist das je eine System für das andere eine Umwelt. Wir bedenken, dass die Beeinflussung von einem System zum anderen nicht linear geschieht. Gedanken, Gefühle, Kommunikation und körperliche Reaktionen laufen parallel. Sie sind getrennt – und über Kopplung miteinander strukturell verbunden.
Systeme sind über Kopplung* miteinander verbunden
Kopplung bedeutet gerade nicht, dass das etwas in einem System linear-kausal etwas in einem anderen System verursacht. Kopplung ist so etwas wie "Ko-Evolution" über Zeit. Veränderungen in einem Bereich können im anderen etwas anstoßen, ohne ihn direkt zu steuern. Das Kopplungsthema werden wir konkret auf der Tagung "Systemische Zukunft" vertiefen: Coaching als Kopplungskunst. An dieser Stelle sei in aller Kürze gesagt, dass die Kopplungen in der Regel lose über ein bestimmtes Medium geschehen. Am festesten ist die Kopplung zwischen Organismus und Psyche. Sie geschieht über biochemisch-neuronale Strukturen - also nicht über ein separates Medium. Dennoch ist sie nicht determinierend. Die Psyche und das soziale System sind über Sprache oder allgemeiner über "Sinn"* im Sinne von "Bedeutungen" gekoppelt. In sozialen Systemen gibt es oft eine wechselseitige Anpassung.
Systemtheoretisch gehen wir mit geschärfter Brille an die Prozesse und unterscheiden Gedanken, Verhalten, Körperprozesse und Kommunikationen voneinander – und wissen, dass nicht jeder Gedanke zur Kommunikation wird, nicht jede Kommunikation zur Entscheidung oder zu Verhalten führt, nicht jeder Gedanke immer dieselben Körperprozesse auslöst usw.. Wir sagen nicht „Die Führungskraft ist demotiviert“ – denn wir können die Motivation, die Gedanken nicht beobachten. Wir schreiben keinen Charakter und damit alle Handlungsmöglichkeiten fest.
Diese dem Alltagsverständnis gegenläufige Sichtweise eröffnet für die Beratungssituation neue Möglichkeiten
Wo aufgrund des Alltagsverständnisses oft kein Ausweg sichtbar ist, findet die systemtheoretische Perspektive in den Kopplungen oft überraschende Chancen. Somit gilt es zwei Konzepte von Ganzheitlichkeit: 1) Ganzheitlichkeit im alltagssprachlichen Sinne mit Integration durch Verschmelzung statt Trennung, mit Einheit statt Differenz – und 2) Ganzheitlich im systemtheoretischen Sinne, die davon ausgeht, dass unterschiedliche Systeme zwar gleichzeitig wirken, jedoch ihre eigenen Logiken haben. Sie sind über die erwähnten Kopplungen miteinander verbunden. Ganzheitlichkeit entsteht hier nicht durch Verschmelzung, sondern durch präzises Unterscheiden einerseits und das aufeinander Beziehen und das anschlussfähige Miteinander-Verbinden andererseits.
Die Einheit entsteht in der Betrachtung der Differenz
Was bedeutet das konkret für Coaching? Schauen wir auf eine typische Coaching-Situation. Eine Führungskraft sagt: „Ich merke, dass mich die Situation im Team emotional sehr belastet – und gleichzeitig treffe ich keine klaren Entscheidungen.“ Ein „diffus ganzheitlicher“ Zugang könnte versuchen, alles gleichzeitig zu bearbeiten: Gefühle, Persönlichkeit, Beziehungsmuster, Organisation, Geschichte des Unternehmens. Ein systemtheoretisch Zugang sortiert sofort die unterschiedlichen Systemebenen, priorisiert, stellt vorläufige Hypothesen und interveniert enstsprechend:
- Die Emotionen* und Gedanken gehören zum psychischen System der Führungskraft. Ich könnte hier ansetzen und über den eng an die Psyche gekoppelten Körper versuchen eine funktionale Anschlussfähigkeit herzustellen.
- Die Entscheidungen gehören ggf. zum sozialen System der Organisation. Es ist nicht gesagt, dass allein die Führungskraft die Entscheidung treffen wird, sondern eher dafür sorgt, dass Entscheidungen herbeigeführt werden. Im Hinblick auf Entscheidungen könnte auf organisationale Strukturen geschaut werden.
- Ich könnte auf das soziale System Team schauen - und wie die Psyche meines Coachees dort Kopplungen vollzieht - und wie vielleicht durch Aufmerksamkeitsfokussierung oder andere Sinnzuschreibungen das soziale System irritiert werden könnte.
- Das Coaching selbst ist ein soziales Interaktionssystem, vermittelt über Sprache. Über anschlussfähige Irritation könnten neue Gedankenmuster vorrangig werden. Veränderungen geschehen nicht kausal („erst Gefühl, dann Entscheidung“), sondern über strukturelle Kopplung.
- Über eine experimentelle Verhaltensverschreibung beim Coachee könnte im Heimatsystem des Coachees etwas anderes in Bewegung geraten....
Coaching als soziales System operiert mittels Kommunikation und kann das psychische System des Coachees irritieren, jedoch nicht verändern. Ob und wie diese Irritationen* im Bewusstsein verarbeitet werden, entscheidet das psychische System selbst. Damit werden veränderte Anschlusskommunikationen im jeweiligen Heimatsystem wahrscheinlicher.
Die besondere Stärke systemtheoretischen Coachings
Systemtheorie macht Coaching nicht kälter oder menschendistanzierter oder weniger umfassend – sondern verantwortlicher. Sie hilft Coaches, ihre Zuständigkeit und die Interventionsebene zu klären, ihre Wirkung realistisch einzuschätzen, statt von (Er-)Folgen eigenen Handelns zu sprechen und die Autonomie anderer Systeme zu respektieren. Ganzheitlich wird Coaching hier nicht durch Allzuständigkeit, sondern durch theoretisch informierte Bescheidenheit. Oder zugespitzt: Systemtheoretisches Coaching nimmt den Menschen so ernst, dass es ihm keinen Einfluss zuschreibt, die er gar nicht hat.
Systemisches Coaching hat den Menschen in seiner Vielfalt mit und in seinen unterschiedlichen Systemen im Blick
Wenn wir auch als systemische Coaches von Ganzheitlichkeit sprechen wollen, so bedeutet das, dass wir Coaching wie folgt verstehen:
- nicht vermischend, sondern unterscheidend
- nicht steuernd, sondern anschlussorientiert
- nicht mit dem Anspruch auf Machbarkeit, sondern professionell.
Das Wort "ganzheitlich" wird auch zukünftig aufgrund der starken abweichenden alltagssprachlichen Prägung nicht meine vorrangige Beschreibung sein. Wichtig ist mir dennoch zu betonen: Wer auf der Grundlage der Systemtheorie coacht, verliert nicht den Menschen aus dem Blick. Er lernt, genauer hinzusehen, wo was geschieht, entscheidet, auf welcher Ebene ein Interventionsversuch lohnenswert erscheint – und warum das für Coaching ein Gewinn ist.
* Dieser Begriff wird noch Teil des Wörterbuchs