Professionelle Haltung - systemtheoretische Reflexionen

Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 2)

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Dort, wo ich beruflich sozialisiert wurde, hat man eine Haltung. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Ich bin groß geworden mit einem humanistischen Menschenbild: Carl Rogers und Ruth Cohn. Ich habe mich intensiv mit Viktor Frankl und Virginia Satir beschäftigt. All diese Ansätze sind von humanistischen Werten geprägt: Freiheit, Würde und Selbstverwirklichung. 

Als ich vor gut 20 Jahren erstmalig mit der soziologischen Systemtheorie in Kontakt kam, war ich sehr irritiert. Welche Werte gibt es hier? Wie steht man hier zum Menschen? Welche Haltung hat man hier? 

Nach und nach verstand ich, was Haltung aus systemtheoretischer Sicht nicht sein kann:

  • Ein normatives Idealbild von Handeln oder die bessere ethische Position
  • Eine moralische richtigere Eigenschaft oder Persönlichkeit eines Beratenden

Warum normative Vorstellungen in der Systemtheorie keinen Platz haben

Die Systemtheorie will beschreiben, nicht vorschreiben. Sie ist deskriptiv und beschreibt, wie soziale Systeme funktionieren – und nicht, wie sie funktionieren sollen. Sie bestimmt vor allen Dingen nicht, was richtig oder falsch ist. Sie bewertet nicht, hat keine allgemeingültige Wahrheit.

Stellt jemand eine Norm auf, so fragt die Systemtheorie danach, welcher Beobachter sagt das? In welchem Kontext? In welcher Funktion? Und: Wie würde ein Beobachter zweiter Ordnung das sehen? Sie fragt immer nach der Kontingenz: Könnte es nicht auch anders sein?

Systemtheorie beißt sich also mit Normativität. Sie tut das aus gutem Grund. Normativität reduziert Komplexität. Normativität verabsolutiert eine bestimmte Beobachtung, während Alternativen unsichtbar gemacht werden.

Zudem ließe sich Professionalität kaum an eine unsichtbare „innere Einstellung“ knüpfen, ohne sie zu psychologisieren oder ins Mystische zu verklären.

Welchen Ansatz hat also die Systemtheorie?

An die Stelle von Werten treten in der Systemtheorie Unterscheidungen: Wie, von wo aus und worauf wird geschaut? Statt einer Norm rücken die Funktion und die daraus resultierenden Auswirkungen ins Zentrum. Die Theorie ist somit funktional, konstruktivistisch, kontingenzbewusst und geht von der Selbstreferenz und Autopoiesis von Systemen aus.

Wovon die Systemtheorie lieber spricht - Grundprämissen

In der Systemtheorie gibt es durchaus auch eine Berateridentität und eine Komplexitätsreduktion. Diese geschieht durch die gesetzten systemtheoretischen Grundprämissen. Diese sind zum Beispiel Autopoiesis, operative Geschlossenheit, Unsteuerbarkeit sozialer Systeme und die Bedeutung von Beobachtung.

Diese sind zunächst theoretische Grundannahmen. Dieses Wissen macht Wirken wahrscheinlicher – doch vor allem erst dann, wenn die Theorie sich im psychischen System verankert hat. Das nenne ich Haltung.

Haltung als Struktur, die die Praxis des Wissens im Blick hat

Haltung könnte systemtheoretisch die Disziplin sein, die eigenen theoretischen Prämissen in der Praxis ernst zu nehmen.

Das hieße also: Die Theorie behauptet etwas über die Welt und die Haltung besteht darin, so zu handeln, als ob diese Annahmen zutreffen. Bei einer solchen Lesart ergibt sich also aus den theoretischen Prämissen folgende Haltung

theoretische Prämisse

mögliche Haltung

Autopoiesis

Demut gegenüber Veränderbarkeit

Beobachterabhängigkeit

Perspektivenoffenheit

Kontextabhängigkeit von Verhalten

Verzicht auf Personalisierung

Kontingenz sozialer Ordnung

Neugier statt Gewissheit

Somit wäre Haltung keine moralische Einstellung, sondern eine epistemische Konsequenz, die auf das psychische System abzielt. Sie wäre eine Art Reflexionsanker, der Beratenden dazu verhilft, sich der theoretischen Grundannahmen und der praktischen Folgen daraus immer wieder zu erinnern. Jemand mit so einer Haltung fragt sich:

  • Versuche ich gerade zu steuern, was ich eigentlich nur irritieren kann?
  • Beobachte ich eine Person oder ein Systemmuster?
  • Halte ich meine Beobachtung für die Realität oder nur für eine mögliche Beschreibung?

Dann erfüllt „Haltung“ eine selbstregulative Funktion im professionellen Handeln. Sie wäre in diesem Sinne eine praktische Konsequenz und Orientierungshilfe aus den systemtheoretischen Grundprämissen.

Haltung als reflexive Disziplin – systemtheoretisch weitergedacht

Wissen allein generiert noch keine Haltung. Da die Systemtheorie oft kontraintuitiv zum Alltagsdenken steht, garantiert die Kenntnis von Luhmann noch lange nicht deren praktische Umsetzung: Die alltäglichen Autopiloten sind oft schneller. Haltung ist systemtheoretisch keine Tugend, sondern ein sozial stabilisiertes psychisches Muster. Es handelt sich um relativ stabile Strukturen des psychischen Systems, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass theoretische Annahmen operationalisiert werden.

Wenn die Struktur „Nicht-Steuerbarkeit anderer“ tief verankert ist, wird eine Beraterin weniger dazu neigen, Ratschläge zu forcieren oder Lösungen vorzugeben – nicht aus moralischer Zurückhaltung, sondern weil ihre Beobachtung der Situation bereits anders strukturiert ist. Haltung muss daher durch Theoriebezug und Selbstreflexion ständig reproduziert werden; sie ist eine reflexive Disziplin der Selbststeuerung.

Die Rolle der professionellen Community 

Haltung ist deshalb so beliebt in der Beraterszene, weil sie eine sozial stabilisierte Erwartungsstruktur darstellt. Die potenziellen Coachees entwickeln aufgrund der Kommunikation über die professionelle Haltung Erwartungen über Coaching. Vor allem dient die Kommunikation über Haltung der Unsicherheitsabsorption der Kundschaft.

Aufgrund der Selbstreferentialität des psychischen Systems können wir oft das zunächst das nicht sehen, was wir nicht sehen – sind also für bestimmte Aspekte quasi reflexionsblind oder zumindest sehbehindert. Haltungsentwicklung entsteht also nicht primär im Individuum, sondern in der Profession. Das Soziale System als Umwelt des Psychischen Systems ist hilfreich bei der Erinnerung und Reflexion im Hinblick auf die Umsetzung der theoretischen Prämissen.

Die einzelne Beraterin übernimmt diese Erwartungen nicht vollständig, aber sie orientiert ihr eigenes Beobachten daran.

Die professionelle Gemeinschaft als Resonanzraum

In der professionellen Community, und hier nennen ich die Coachingverbände, denen ich mit Überzeugung angehöre, den DBVC und die DGSv, sowie den Ort, an dem ich mich seit langem systemtheoretisch nähre, swf, wird in Ausbildung, Supervision, Intervision und Praxis- wie Denkräumen eingeübt, anders zu beobachten, eigene Zuschreibungen zu hinterfragen, spontane Impulse wahrzunehmen und zu reflektieren, systemische Hypothesen zu bilden usw..

Damit werden psychische Strukturen beeinflusst, ohne sie determinieren zu können.

Die Community wirkt als Korrektiv: Wer stark steuernd oder moralisierend arbeitet, erfährt durch Supervision oder kollegiale Beratung eine Irritation, die die professionelle Haltung stabilisiert. 

Fazit und Versuch eine Definition: 

Grundprämissen zu haben allein ist eine grundlegende aber nicht ausreichende Basis für professionelles Handeln als Coach. Psychische Prozessmuster, die sich im Laufe der individuellen Geschichte gebildet haben, bestimmen mit, wie der Organismus auf Situationen reagiert. Um die Muster des Bewusstseins mit Gedanken und Gefühlen auf die Grundprämissen hin zu reflektieren, helfen professionelle soziale Systeme.

Systemische Haltung bezeichnet ein im psychischen System der Berater:innen immer wieder neu zu realisierendes Muster des Beobachtens, welches auf systemtheoretischen Grundannahmen beruht und diese in der Praxis wirksam werden lässt – unterstützt und im besten Sinne irritiert durch die Kopplung an die professionelle Community.

Zurück zum Ausgangspunkt

Ich besitze nach wie vor eine Haltung mit persönlichen Werten – auch jenseits der Systemtheorie. Eine wie oben beschriebene Haltung im systemtheoretischen Sinne ermöglicht es mir jedoch, diese als eine von vielen möglichen Beobachtungspositionen einzuordnen. Dies eröffnet sowohl mir als auch dem Coachee weite Möglichkeitsräume. Ich kann eine Distanz zu Werten einnehmen und sie reflektieren, während ich gleichzeitig anerkenne, dass auch meine bewertende Sicht eine mögliche Perspektive bleibt, denn letztlich werde ich meine persönliche Verantwortung für mein Handeln nicht einer Theorie zuschreiben. Wie gut, dass ich im Laufe des Lebens – und nicht zuletzt durch die Systemtheorie – den Umgang mit Paradoxien gelernt habe…