Psyche (1) - Von der Seele zum System

Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 3)

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Als von Natur aus neugieriger und durchaus auch naturwissenschaftlich interessierter Mensch möchte ich mich dem Thema zunächst sprachlich, dann vor allem neurowissenschaftlich widmen, bevor ich den systemischen Blick darauf werfe – und diesen dann in einem weiteren Beitrag um den hypnosystemischen ergänze. Ein wesentlicher Grund dafür ist: Geht es im Einzelcoaching um Selbststeuerung des Coachees, so ist es hilfreich, mehrperspektivisch schauen zu können. Neurowissenschaften und Systemtheorie sind zwei unterschiedliche Beschreibungsebenen.  Die soziologische Systemtheorie als Metatheorie der Beobachtung bzw. als Landkarte von Systemen und die Neurowissenschaften als biologische Ebene im Hinblick auf Wirkmechanismen mentaler Prozesse.

Wortbedeutung

Vorm Ursprung her bedeutet das griechische Wort Psyche so viel wie „Hauch“, „Atem“, „Lebenskraft“ oder später auch Seele. Der Atem galt und gilt als Zeichen des Lebens. Daher wurde Psyche zum Begriff für das belebende Prinzip eines Menschen. Seit dem 17. Jahrhundert wird das Wort Psyche aus dem Griechischen übernommen und ist etymologisch gleichbedeutend mit „Seele“.

Das alles hat bis hierher nichts mit Systemtheorie zu tun. In dieser Serie geht es jedoch gerade darum, durch Differenzierung übliche Missverständnisse aufzuklären und zu schauen, welche Begriffe in welcher Bedeutung Begriffe für Coaching nutzbar sind. 

Definitionen

Im Dorsch-Lexikon für Psychologie wird die Psyche klar gegenüber dem Körper abgegrenzt. Sie ist die Gesamtheit von Bewusstem und Unbewusstem. Die klare Abgrenzung wird in anderen Definitionen, z.B. dem DocCheck Flexikon relativiert: Die Psyche sei von der Physis abzugrenzen, jedoch mit ihr verbunden. Die Psyche umfasst hier Wahrnehmung, Kognition, Emotion und Motivation. Auf Wikipedia wird Psyche als die „innere Erlebensseite“ von Denken, Fühlen, Erinnern und Träumen bezeichnet. Hier gibt es deutliche Abgrenzung von transzendenten, unsterblichen Annahmen, die das Wort „Seele“ assoziativ und geschichtlich mit sich bringt.

1) Die Neurowissenschaften als Erkenntnisquelle über die Wirkweise der Psyche

Neurowissenschaftlich ist die Psyche ein Funktionsbegriff: Er beschreibt die Gesamtheit der Prozesse, die aus der Aktivität des Nervensystems – insbesondere des Gehirns – hervorgehen. Dazu gehören die

  • Kognition: Wahrnehmen, Denken, Planen, Entscheiden
  • Emotion: Bewertungen von Situationen (z. B. Angst, Freude), oft mit körperlicher Resonanz
  • Motivation: Antriebssysteme (Belohnung, Vermeidung), Handlungssteuerung
  • Gedächtnis: Speicherung und Rekonstruktion von Erfahrungen
  • Selbstrepräsentation: das Erleben eines „Ich“

Das Zusammenspiel von Kognition und Emotion

Gerhard Roth und Antonio Damasios Forschungen sind grundlegend für die Fragen nach der Steuerung menschlichen Verhaltens, die uns wichtige Erkenntnisse gebracht haben. Die Ergebnisse ihrer Forschungen gehen davon aus:

Kognition und Emotion sind untrennbar miteinander verschränkt. Gerhard Roth betont, dass das Bewusstsein nur die Spitze des Eisbergs darstellt, während die meisten Steuerungsprozesse implizit ablaufen. Während das Denken zwar Optionen durchspielen, Handlungen strukturieren und planen kann und Entscheidungen begründen kann, sind emotionale, unbewusste Prozesse sind primär handlungsleitend. Laut Roth wie auch Damasio, und denen schließen sich bekannte Berater:innen wie Alicia Ryba und Maja Storch an, brauchen wir ein Zusammenwirken von Kognition und Emotion.

Die Rolle des Körpers

Neurowissenschaftlich ist die Psyche nicht auf das Gehirn beschränkt. Antonio Damasio betont, dass mentale Zustände immer körperlich verankert sind („embodied mind“). Der Körper liefert kontinuierlich Signale, die im Gehirn integriert werden. Daraus entsteht ein Gefühl für den eigenen Zustand. Das bedeutet, dass Emotionen immer körperlich mitkodiert sind und das das Bewusstsein des Selbst eng im Zusammenhang mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers steht.

Die Bedeutung des sozialen Kontextes

Auch das soziale Umfeld ist aus neurowissenschaftlicher Sicht zentral für die Psyche:

  • Das Gehirn ist ein soziales Organ (z. B. Spiegelneurone, Bindungssysteme)
  • Frühe Beziehungen prägen neuronale Verschaltungen dauerhaft
  • Emotionale Regulation wird zunächst sozial erlernt (z. B. durch Bezugspersonen)

Roth betont die Bedeutung von Bindung und emotionaler Erfahrung für die Persönlichkeitsentwicklung.
Damasio sieht soziale Interaktion als Teil der Regulation von Körper- und Gefühlszuständen. Psyche entsteht seines Erachtens aus der kontinuierlichen Wechselwirkung von Gehirn, Körper und Umwelt.

„It is the entire organism rather than the body alone or the brain alone that interacts with the environment...When we see, or hear, or touch or taste or smell, body proper and brain participate in the interaction with the environment.” (Damasio 1994:224)

Das heißt: Die Psyche entsteht nicht isoliert im Individuum, sondern im sozialen Raum.

Somit haben wir in der Psychologie Ebenen berührt, die uns im Systemischen in anderer Weise wieder begegnen: Das Denken, der Körper und das Soziale. Nächste Woche werde ich die Psyche aus systemtheoretischer Sicht darstellen.

2) Psyche aus systemtheoretischer Sicht.

1. Grundannahmen zum System Psyche im systemischen Coaching

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die systemtheoretische Unterscheidung verschiedener autopoietischer, sich selbst erschaffende, operativ geschlossener Systemtypen: psychische Systeme operieren mit Bewusstsein beziehungsweise Gedanken, soziale Systeme mit Kommunikation, biologische Systeme mit Leben. Die Psyche ist somit die Ebene innerer Sinn- und Deutungsprozesse, die parallel zu Körper- und Kommunikationsprozessen abläuft.

2. Erkenntnis- und Interventionsgrenzen

Die Psyche wird gern als  „Black Box“ bezeichnet und das verdeutlicht doppelte Grenzen: Die Psyche anderer ist nicht direkt beobachtbar (Erkenntnisgrenze), noch kann sie direkt verändert werden (Interventionsgrenze). Dennoch sind psychische Systeme nicht isoliert – sie sind strukturell mit dem Organismus und sozialen Systemen gekoppelt (Coaching als Kopplungskunst) und stehen in ständigem Austausch mit ihrer Umwelt. Sie reagieren auf Irritationen, aber stets auf eigene Weise und nach eigener Logik.

3. Emotionen im systemtheoretischen Kontext

In der luhmannnahen Rekonstruktion psychischer Systeme wird die zentrale systembildende Operation des Bewusstseins als Denken beschrieben. Gefühle sind bei Luhmann keine systembildende Operation sozialer Systeme.

Systemtheoretisch ist nicht Emotion die primäre Steuerungsinstanz, sondern Selektion; Emotionen erscheinen eher als interne Modulations- oder Alarmphänomene innerhalb psychischer Systeme. Sie können aber als Irritationen oder Erwartungsverstärker im psychischen Bereich und in kommunikativem Anschluss wirksam werden.

Diese Bestimmung ist entscheidend: Gefühle sind bei Luhmann Phänomene innerhalb der Selbstreferenz des Bewusstseins. Sie gehören also zur Eigenkomplexität psychischer Systeme.

Damit ist zugleich gesagt, was Emotionen bei Luhmann nicht sind. Sie sind keine selbständige autopoietische Operation neben Denken und Kommunikation, sie sind keine direkt soziale Wirklichkeit, und sie sind auch nicht ohne Weiteres als transparente Steuerungszentrale des Menschen zu verstehen. Gefühle sind keine Grundoperation sozialer Systeme, sondern Formen der internen Verarbeitung. Gefühle sind kommunikativ thematisierbar, aber nicht die Operation selbst.

4. Sinn, Selektion und Anschlussfähigkeit

Niklas Luhmann erklärt die Dynamik der Psyche nicht primär über psychologische Kategorien wie Gefühle oder Emotionen, sondern über die autopoietische Selbstreproduktion von Gedanken im Medium Sinn. Das psychische System (Bewusstsein) wird als operativ geschlossenes System begriffen, dessen Dynamik darin besteht, fortwährend einen Gedanken an den nächsten anzuschließen.

3) Nutzbarkeit beider Theorieebenen

Jede Ebene für sich genutzt, beinhaltet die Gefahr einer Reduktion. Es gibt zwei typische Verkürzungen. Wer nur auf die Neurowissenschaften schaut, reduziert alles auf Gehirnaktivitäten und verliert die Sinn-, Kontext und Kommunikationslogik aus dem Blick. Wer nur auf die Systemtheorie schaut, ignoriert die biologischen Bedingungen für Selbststeuerung und Veränderung von Erleben. Die unterschiedlichen Perspektiven ergänzen sich – ohne dass die theoretischen Diskrepanzen komplett auflösbar wären.

Luhmann behandelt nicht die leiblich-affektive Tiefendimension inneren Erlebens. Neurowissenschaftliche Ansätze, wie die von António Damasio und Gerhard Roth, betonen hingegen die Bedeutung affektiver und körperlicher Marker für Entscheidungen und Handlungen. Gefühle sind Ausdruck von Homöostase und modulieren Selektionsprozesse durch Motivation, Belohnungserwartungen und Handlungsenergie. Für Coaching ist es wichtig, diese Dimension in systemisches Coaching zu integrieren, da Klient:innen ihre Selektionsprozesse nicht nur als abstrakte Sinnwahl, sondern als Drang, Hemmung oder Handlungsimpuls erleben.

Für Coaching ist eine Verbindung beider Perspektiven besonders fruchtbar: Systemtheorie liefert die Begriffe für Sinn, Selektion und Kommunikation, Neurowissenschaften zeigen, wie Gefühle und Körperzustände die konkrete Selektivität menschlichen Erlebens beeinflussen.

4) Ein Ansatz als Übersetzungs- und Praxisbrücke: Der hypnosystemische Ansatz

Für die Coachingpraxis gibt es bereits einen ausgearbeiteten Zugang, der beides integriert: Der hypnosystemische Zugang Gunther Schmidts, der sich auf Milton Erickson bezieht und sowohl mit den aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen kompatibel als auch auf die systemtheoretischen Grundprämissen aufbaut. Doch dazu im nächsten Beitrag mehr.