Psyche (2) - Die hypnosystemische Perspektive

Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 4)

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Im Anschluss an den vorangegangenen Beitrag zur Psyche in den Neurowissenschaften und in der Luhmann’schen Systemtheorie richtet sich der Blick nun auf die hypnosystemische Perspektive, wie sie vor allem von Gunther Schmidt entwickelt wurde. Diese Perspektive ist für Beratung und Coaching besonders interessant, weil sie Psyche als verkörpertes, emotionales, kognitives und kontextgebundenes Selbstorganisationsgeschehen versteht. Zugleich ist sie anschlussfähig an neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Im Folgenden geht es deshalb um vier Fragen: Wie lässt sich Psyche hypnosystemisch definieren? Wie verhält sich dieser Ansatz zu den Neurowissenschaften und zur Hypnotherapie? Worin unterscheidet er sich von Luhmann? Und welche Konsequenzen hat das für die Praxis von Beratung und Einzelcoaching?

1. Der Hypnosystemische Ansatz

Die Hypnosystemik ist kein neurowissenschaftlicher Ansatz im engeren Sinn, steht neurowissenschaftlichen Befunden jedoch in vieler Hinsicht nahe. Gunther Schmidt verbindet systemisches Denken, Konstruktivismus, Autopoiesis-Konzepte und die klinische Erfahrung der Hypnotherapie nach Milton H. Erickson zu einem Modell, das die Zustandsabhängigkeit psychischer Prozesse ernst nimmt. Damit ist gemeint, dass das psychische Erleben, also wie ich etwas wahrnehme, deute oder welche Handlungsmöglichkeiten ich in Betracht ziehe, vom jeweiligen inneren Zustand oder besser Erleben (bin ich ärgerlich, gestresst, ruhig oder entspannt) abhängig ist. Milton H. Erickson lieferte zentrale klinische Beobachtungen und Vorgehensweisen – etwa die Nutzung von Trance, indirekter Suggestion, Aufmerksamkeitsfokussierung und Ressourcenaktivierung –, die Schmidt in einen systemisch-konstruktivistischen Rahmen überführt hat. Vieles davon lässt sich heute neurowissenschaftlich plausibilisieren: etwa die Dominanz unwillkürlicher, schneller und verkörperter Verarbeitungsprozesse, die Aufmerksamkeitsabhängigkeit von Wahrnehmung und Gedächtnis sowie die enge Verbindung von Aufmerksamkeit, Emotion, Körperzustand und Entscheidungstendenzen. Hypnosystemik ist daher ein eigenständiger Praxisansatz auf der Basis von Systemtheorie und Konstruktivismus und der Hypnotherapie, dessen Grundannahmen mit neurowissenschaftlichen Einsichten gut vereinbar sind.

2. Was ist Psyche in der hypnosystemischen Perspektive?

Hypnosystemisch betrachtet ist Psyche kein rein kognitives Innenleben und auch kein von Körper und Emotion getrenntes mentales System. Psyche bezeichnet vielmehr ein mehrschichtiges Selbstorganisationsgeschehen, in dem Kognition, Emotion, Körperersleben, Aufmerksamkeitsfokussierung, implizite Erinnerungsmuster, Beziehungserfahrungen und situative Kontexte eng miteinander verschränkt sind. Für Gunther Schmidt ist psychisches Erleben immer zustandsabhängig organisiert: Je nachdem, welcher innere Zustand (und hiermit ist nichts Festes, sondern gerade etwas veränderbares gemeint) gerade dominiert, werden andere Wahrnehmungen, Bedeutungen, Handlungsmöglichkeiten und Selbstbeschreibungen wahrscheinlich. Deshalb gehört in der hypnosystemischen Perspektive zur Psyche nicht nur das bewusste Denken, sondern ebenso das verkörperte Erleben, die emotionale Färbung von Situationen und die unwillkürliche Aktivierung bestimmter Erlebensmuster.

  • Psychische Prozesse sind nicht nur kognitiv, sondern immer auch emotional und verkörpert.
  • Psyche ist zustandsabhängig: Unterschiedliche Zustände erzeugen unterschiedliche „Logiken“ des Erlebens.
  • Bewusstes Erleben ist nur ein Ausschnitt psychischer Selbstorganisation.
  • Wirksam wird Veränderung vor allem dort, wo willkürliche und unwillkürliche Prozesse so miteinander kooperieren können, dass neue, stimmigere Erlebensmuster gebahnt werden.
3. Die hypnosystemische Perspektive im Vergleich zur soziologischen Systemtheorie

Gerade im Vergleich mit Niklas Luhmann wird die Eigenart der hypnosystemischen Perspektive deutlich. Luhmann beschreibt Psyche als operativ geschlossenes Sinnverarbeitungssystem: Gedanken schließen an Gedanken an, der Körper erscheint als Umwelt der Psyche, und Emotionen werden nicht als privilegierte Organisationsinstanz ausgearbeitet. Schmidt verschiebt den Akzent deutlich. Für ihn ist Psyche ein lebendiges, verkörpertes und emotional grundiertes Organisationsgeschehen. Das bedeutet nicht, dass Schmidt die Einsicht in Selbstorganisation oder Nicht-Steuerbarkeit aufgibt. Aber er verortet die Dynamik psychischer Prozesse stärker im Zusammenspiel von Kognition, Emotion, Körper und Kontext.

  • Luhmann: Psyche als Sinnsystem; Schmidt: Psyche als verkörpertes Erleben.
  • Luhmann: Körper als Umwelt der Psyche; Schmidt: Körper als Teil psychischer Erlebnisorganisation
  • Luhmann: Emotionen strukturieren Anschlussselektionen im System. Schmidt: Emotion als Ausdruck der aktivierten unwillkürlichen Erlebnisorganisation.
  • Luhmann: Fokus auf Beobachtung; Schmidt: Fokus auf Einladung unwillkürlicher Selbstorganisation in eine hilfreiche Richtung 

Man kann bei beiden Ansätzen trotz der Unterschiede eine Gemeinsamkeit feststellen: Sie denken Intervention nicht als Steuerung, sondern als Kopplungskunst – also als Erzeugung anschlussfähiger Irritationen, die im System eigene Veränderungen anregen können.

4. Unwillkürliches und willkürliches in der Hypnosystemik

Ein zentraler Punkt im Hinblick auf die Psyche, der häufig missverstanden wird, ist die Unterscheidung zwischen unbewusst und unwillkürlich. Beides ist nicht identisch. Unbewusst bezeichnet zunächst, dass ein Prozess dem aktuellen bewussten Erleben nicht oder nur teilweise zugänglich ist. Unwillkürlich meint demgegenüber, dass ein Prozess nicht direkt durch bewussten Willensakt gesteuert werden kann. Ein Vorgang kann also bewusst wahrgenommen und trotzdem unwillkürlich sein – etwa Herzklopfen, Scham, Angst, ein innerer Impuls oder ein plötzliches Bild. Umgekehrt können auch kognitive Prozesse unbewusst ablaufen, etwa automatische Bewertungen oder implizite Schlussfolgerungen. Gerade deshalb ist es zu grob, Kognition einfach mit Bewusstsein und Emotion einfach mit Unbewusstem gleichzusetzen.

  • Bewusst / unbewusst beschreibt den Zugangsmodus eines Prozesses.
  • Willentlich / unwillkürlich beschreibt die Steuerungslogik eines Prozesses.
  • Kognition / Emotion beschreibt die Erlebnis- bzw. Verarbeitungsform eines Prozesses.

Für die Definition von Psyche ist diese Unterscheidung entscheidend. In der hypnosystemischen Perspektive stehen Kognition, Emotion und Körper nicht nebeneinander, sondern bilden unterschiedliche Ausdrucksformen eines gemeinsamen psychischen Organisationsprozesses. Kognitionen sind dabei häufig stärker sprachlich und bewusst zugänglich. Emotionen und Körperreaktionen sind oft schneller, intensiver und unwillkürlicher organisiert. Aber beide Seiten sind wechselseitig gekoppelt. Hypnosystemische Arbeit zielt deshalb nicht darauf, „die Emotion“ durch „die Kognition“ zu kontrollieren, sondern darauf, kooperative Brücken zwischen unterschiedlichen Prozesslogiken herzustellen – etwa über Metaphern, Imagination, Aufmerksamkeitslenkung, körperliche Resonanz und sprachliche Umdeutung.

5. Konsequenzen für systemisches Coaching

Für Coaches liegt die Stärke der hypnosystemischen Perspektive darin, dass sie einen differenzierten und zugleich praxistauglichen Begriff von Psyche anbietet. Sie macht verständlich, warum Einsicht allein oft nicht genügt, warum Menschen „eigentlich wissen, was gut wäre“ und dennoch anders handeln, und warum Veränderung meist nur gelingt, wenn kognitive Klärung, emotionale Resonanz und körperliche Stimmigkeit zusammenkommen. Gerade hier bleibt auch die Verbindung zu Luhmann hilfreich: Seine Theorie erinnert daran, dass psychische Systeme nicht von außen gesteuert werden können. Schmidt zeigt, wie man trotzdem wirksam arbeiten kann – nicht durch Zugriff, sondern durch anschlussfähige Irritationsangebote, die mit der Eigenlogik des Erlebens kooperieren. Wer beide Ansätze zusammendenkt, wird dadurch spielfähig und kann sich umso kunstvoller in die Kunst der Kopplung begeben.