Sinn

Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 5)

bird 4313897 1280

Wer sucht ihn nicht, den Sinn des Lebens? Gerade Coaches beschäftigen sich mit Themen rund um die Lebenskunst. Sinncoaching wird gar als eine eigene Richtung im Coaching genannt. In meinem Buch zur Transformation habe ich die Fokussierung auf eine sinnvolle Zukunft auch in Organisationen als etwas Stabilisierendes beschrieben. All das steht zunächst jedoch auf einem ganz anderen Blatt: dem Blatt der Psychologie.

1) Sinn – psychologisch und existenzanalytisch

Wir erleben etwas als sinnvoll, wenn wir unsere bedeutungsvolle Absicht im Umgang mit dem, was uns begegnet, verwirklichen – im Großen wie im Kleinen. Die Existenzanalytiker sehen einen starken Zusammenhang zwischen einem sinnvollen Leben und einer starken Handlungsmotivation. Allein schon aus Gründen der Selbstwirksamkeit ist die Sinnperspektive eine psychologisch hilfreiche, denn Sie steht jeglicher Ohnmacht entgegen. Sinn hat hier immer etwas mit einer mit Werten aufgeladenen Perspektive zu tun.

2) Sinn – systemtheoretisch

Systemisch denken heißt, funktional zu denken – nicht von einer Werteverwirklichung her. Sinn ist hier insofern inhaltsfrei. Sinn ist ein Medium (auch ein Wort, das in das Wörterbuch gehört). Kurz gesagt, ist ein Medium systemtheoretisch etwas, was zwischen den Systemen Kopplung ermöglicht. Dabei enthält es Möglichkeiten, von denen von den Systemen temporär etwas gewählt wird. Konkreter: Psychische und soziale Systeme bedienen sich des Sinns, um ihre Operationen fortsetzen zu können. Psychische Systeme operieren ebenso mit Gedanken mittels Sinn, wie soziale Systeme ihre Kommunikationen durch dieses Medium prozessieren. Es gäbe viele Möglichkeiten, doch durch den Sinn wird diese Komplexität, ohne sie aufzuheben, reduziert. Sinn ermöglicht so Anschluss: von Gedanken zu Gedanken, von Kommunikation zu Kommunikation. Sinn fungiert damit als Kopplungsmedium, ohne dass Gedanken und Kommunikation je ineinander übergehen würden. In jeder konkreten Situation wird etwas Bestimmtes aktualisiert, während zugleich ein Horizont weiterer Möglichkeiten mitgeführt wird. Sinn legt fest, woran angeschlossen wird, und hält zugleich offen, was auch noch möglich wäre.

In diesem Verständnis gilt:

  • Sinn ist eine Operationsform
  • Sinn ist ein Medium, ein Dazwischen
  • Sinn wird immer wieder neu erzeugt und ist nie abschließbar

Psychische Systeme (Bewusstsein) und soziale Systeme (Kommunikation) unterscheiden sich in ihren Operationen, verwenden jedoch dasselbe Medium: Sinn. Bewusstsein denkt im Medium Sinn, Kommunikation schließt im Medium Sinn an vorherige Kommunikation an.

3) Warum Sinn das Kopplungsmedium ist

Psychische Systeme und soziale Systeme teilen das Medium Sinn, in dem beide Systeme ihre je eigenen Operationen vollziehen. Konkret bedeutet das, dass Kommunikation Sinnangebote macht, die das Bewusstsein aufgreift oder aber nicht. Das Bewusstsein, die Psyche, hat in ihren Gedanken eigenen Sinn prozessiert. Diesen gilt es wiederum zu kommunizieren, um im sozialen System sichtbar zu werden. Die Kopplung geschieht über die anschlussfähige Kommunikation; man könnte auch sagen: über Sinnformen. Dabei ist es zunächst nicht entscheidend, ob die jeweiligen psychischen Systeme inhaltlich tatsächlich die gleichen Vorstellungen haben (was wir sowieso nicht wirklich feststellen können). Koordination gelingt, wenn individuelle Sinnzuschreibungen hinreichend ähnlich sind. Es reicht, dass Kommunikation anschlussfähig bleibt.

4) Sprachliche Folgen dieses Verständnisses

Ich habe mich länger damit beschäftigt, wie ich dann über Sinn sprechen kann. Das Sperrige liegt daran, dass es systemtheoretisch kein handlungsfähiges Subjekt „Sinn“ gibt. Es „hat“ auch niemand Sinn, weil Sinn ein Medium, kein Akteur ist. Unsere Alltagssprache – „wir geben Sinn“, „das System will Sinn“ – passt also nicht.

Es geht bei der systemtheoretischen Rede vom Sinn immer darum, wo und wie Sinn prozessiert wird. Damit entfernen wir uns sprachlich von der Subjekthaftigkeit des Sinns und bewegen uns hin zu Operationen, Prozessen und Bedingungen. Die Systeme sind operierende Bezugseinheiten im Medium Sinn.

Während ich alltagssprachlich oder psychologisch formulieren würde: „Sinn wird geschaffen“, „Sinn wird geteilt“, „das System hat Sinn“, „Sinn motiviert“, passen systemtheoretisch – und das ist die Bedingung – nur Formulierungen, bei denen der Fokus nicht auf Psychologie und den Menschen liegt. Es passen Formulierungen, die die Funktionsweise beschreiben. Hier ein paar Beispiele:

Diese Verben unterstellen kein handelndes Subjekt:

  • Sinn ermöglicht
  • Sinn begrenzt
  • Sinn eröffnet / schließt
  • Sinn reduziert Komplexität
  • Sinn macht Anschluss wahrscheinlicher
  • Sinn wirkt als Medium
  • Sinn wird prozessiert

Diese Sprachweise verhindert, dass Sinn personalisiert, moralisiert oder instrumentalisiert wird.

5) Der Zusammenhang zwischen alltagssprachlich-psychologischem Sinn und Sinn im systemtheoretischen Sinne
Oder: Warum es sich systemtheoretisch lohnt über psychologischen Sinn zu reden

Von der Wortbedeutung her stammt „Sinn“ von der indogermanischen Wurzel „sent“ ab, was so viel wie „gehen, reisen, streben“ oder „einem Weg folgen“ bedeutet. Darin sind sowohl das Intentionale als auch das Operative, Funktionale enthalten. Für mich sind beide Bedeutungen von Sinn relevant, doch wie hängen sie zusammen? Wie können die Gedanken oder die Kommunikation über das, was mir Bedeutung und Sinn im Leben und in der Arbeit gibt, relevant für die systemtheoretische Beobachtung eines Coaches und die daraus folgende Intervention sein?

Alltagssprachlicher Sinn ist keine Alternative zum systemtheoretischen Sinn, sondern eine psychische Konkretisierung. Denn der ganz persönlich intentional aufgeladene Sinn führt zur Selektion von Gedanken wie auch Kommunikationen.

Wenn Menschen „über Sinn sprechen“, dann reflektieren sie ihre eigene Sinnverarbeitung und machen implizite Selektionskriterien explizit. Sie externalisieren psychische Sinnstrukturen in Kommunikation. Das Erzählen vom eigenen Sinn im Leben ist also Sinnbeobachtung, nicht Sinn selbst.

Alltagssprachliche Sinnkommunikation ist systemtheoretisch eine Übersetzungsleistung zwischen psychischem Sinn und sozialer Kommunikation.

Was heißt das konkret? Auf der psychischen Ebene wird das als sinnvoll bezeichnet, wo eine Stimmigkeit, eine Kohärenz zwischen dem gesetzten Sinn im Leben und dem Erlebten zustande kommt. Der eigene gesetzte Sinn produziert Bewertungskriterien – und daraufhin auch Erklärungen und Beschreibungen. Der gewählte Sinn führt zu Gedanken, die sich an Gedanken anschließen.

Auf der sozialen Ebene wird psychischer Sinn (Intention) (mehr oder weniger offen) in Kommunikation gebracht. Das führt zu Selektionen in der Kommunikation. Selbst bei Unterschieden in der psychologischen Sinngebung kommt es in der Regel zu Anschlusskommunikationen. Durch fortlaufende Kommunikation bilden sich im sozialen System wechselseitige Erwartungen darüber aus, was anschlussfähig ist und was nicht. Dadurch werden bestimmte Kommunikationsweisen wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher. Das stabilisiert soziale Systeme.

Das zeigt, dass psychischer Sinn und die Rede darüber systemtheoretisch sowohl aus Beobachtungs- als auch aus Interventionsperspektive relevant ist. Dabei ist systemtheoretisch nicht die Intention an sich, der gemeinsame Purpose oder die richtige Haltung relevant, sondern die Frage nach der Selektion von Gedanken oder Kommunikationen und deren Anschlüsse.

6) Die Bedeutung für systemisches Coaching

Auf individueller Ebene ist es so, dass der selbst gewählte Sinn in der Regel stark verankert wird. Er wirkt paradox: handlungsmotivierend einerseits und einschränkend andererseits. Die Selektion ist eine Ent-Scheidung mit Folgen. Für systemisches Coaching kann das einerseits bedeuten, dass ich aktuellen Situationen einen hilfreichen, an den Sinn des Coachees anschlussfähigen Frame anbieten kann. Ich kann die Situation oder die Handlungsimpulse im Sinne der Motivation des Coachees neu beschreiben, erklären oder bewerten. Oder ich kann dadurch verdeutlichen, dass in der aktuellen Situation keine Übereinstimmung herstellbar ist. Das könnte beim Coachee im Sinne des gewählten Sinns neue Entscheidungen als Möglichkeiten evozieren.

Andererseits könnte es auch sein, dass der gewählte Sinn unter die Lupe genommen wird: Könnte das, worauf sich der Coachee als Möglichkeit der Verwirklichung seiner Intention fokussiert, nicht auch etwas anderes sein? Gibt es nicht auch bislang nicht gewählte Sinnmöglichkeiten, die zwar zunächst irritierend, aber letztlich doch anschlussfähig sind?

Für das konkrete Handeln im Arbeitskontext, im sozialen System, könnte die Frage nach dem psychologischen Sinn der Teammitglieder oder des Teams relevant sein. Was wirkt handlungsmotivierend für die Einzelnen im Team – und wie könnte man das funktional nutzen? Oder: Könnte ich das Team über die Kommunikation darüber, was ein sinnvolles Ziel für die Organisationseinheit wäre, in eine höhere Stabilität im Sinne der gegenseitigen Erwartungsbildung bringen? Und im Hinblick auf Entscheidungsprämissen: Wie könnte das System durch die offene Kommunikation von psychologischem Sinn Einfluss auf eingespielte Erwartungsstrukturen nehmen (die ja als „unentscheidbar“ gelten)? Oder könnte sich daraus ein neues committetes Zweckprogramm entwickeln oder Vergangenes modifizieren (als entscheidbare Entscheidungsprämisse)?

7) Ausblick: Sinn und Beziehung

Diese Überlegungen sind auch deshalb zentral, weil sich Beziehung im systemischen Sinne ebenfalls im Medium Sinn vollzieht. Beziehungen bestehen nicht aus Nähe, Sympathie oder Bindung, sondern aus erwartungsstabilisierten Anschlussmustern. Wie Sinn verarbeitet wird, beeinflusst unmittelbar, wie Beziehungen möglich werden, sich stabilisieren oder irritiert werden.

Der systemtheoretische Sinnbegriff bildet damit eine zentrale Grundlage für das Verständnis von Beziehung – ein Zusammenhang, der im nächsten Beitrag weiter entfaltet werden kann.