Verstehen

Wörterbuch für Systemisches Coaching (Teil 7)

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Hier hat Herr Luhmann einen Teilprozess der Kommunikation mit einem Wort bezeichnet, welches sich im Alltagsverständnis radikal von seinem Verständnis unterscheidet. Genau dieser Unterschied ist es jedoch, der die systemtheoretische Perspektive so gewinnbringend macht.

Verstanden werden wollen – eine menschliche Sehnsucht

Doch zunächst: Ist es nicht eine tiefliegende Sehnsucht der Menschen, verstanden zu werden! Wir sagen „Ich verstehe“ oder besser noch „Ich kann Dich gut verstehen“, um unserem Gegenüber zu signalisieren, dass wir seinen Gedankengang nachvollziehen oder noch besser, seine Gefühle nachempfinden können. Damit werden Bestätigung und Würdigung, wenn nicht gar Nähe signalisiert. Es heißt soviel wir „Ich bin Deiner Meinung“, oder „Ich fühle mit aus Deiner Perspektive“. Es unterstellt, dass wir die Logik, das Gedankenmuster und auch die damit verbundenen Gefühle – also das komplette neuronale Muster nachempfinden können.

Verstehen – was damit im Beziehungsraum des Coachings gemeint sein kann

Und ja: Bindungsgeschichtlich entwickelt sich so emotionale Intelligenz: Die Bezugsperson spiegelt das Gesicht des Kleinkinds und gibt Worte dazu. So beruhigt sich das System des Kleinkindes – und lernt die Verknüpfung von Kognition und an Emotion geknüpftes Körperempfinden. Als Erwachsene erleben wir vielleicht im Ansatz ein ähnliches Aufgehobensein unseres Erlebens in den Worten eines „verständnisvollen“ Gegenübers, welches mit entsprechender Mimik und Gestik unseren Ausdruck erwidert mit einem „Ich kann Dich gut verstehen“. Um einen förderlichen Beziehungsraum im Coaching herzustellen, indem neue Erfahrungen gemacht werden können, ist die Fähigkeit des Coaches der Resonanz und zum Spiegeln des Gegenübers sehr relevant – auch im Wissen darum, dass diese kontingent ist. Letzteren Teil betont die Systemtheorie und verhindert damit eine beraterische Hybris.

Verstehen aus der Perspektive der Systemtheorie

Im Unterschied dazu schaut die Sytemtheorie – die ja eine Beobachtungstheorie ist und von daher den Blick von außen stärkt - auf beobachtbares Verhalten. Sie schaut vor allem auf die Kommunikation, die das soziale System kommuniziert. Aufgrund der Grundprämisse der Autopoiesis, ist ein Verstehen im oben beschriebenen Sinne nahezu unmöglich. Jede Psyche hat eine Eigenlogik, die von außen nicht einsehbar ist. Von außen können wir nur beobachten – was dann zu Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen führt, die immer auch anders sein könnten.

Kommunikation als Einheit von Selektionen

Systemtheoretisch ist Kommunikation kein Austausch von Bedeutungen zwischen Subjekten, sondern eine eigenständige Operation sozialer Systeme. Sie besteht – in der Formulierung Luhmanns – aus einer dreifachen Selektion: Information, Mitteilung und Verstehen. Information stellt die Frage: Was wird ausgewählt? Die Mitteilung bestimmt, wie es dargestellt wird. Wenn man das Verstehen nun auf das Beobachtbare herunterbricht, kann die Frage nur lauten: Wie wird daran angeschlossen?

Diese drei Momente bilden keine Abfolge, sondern eine untrennbare Einheit. Kommunikation geschieht nur dann, wenn alle drei Selektionen sich ereignen. Dabei ist entscheidend: Wahrnehmbar sind lediglich die Verhaltensweisen – das, was wir als Äußerungen, Gesten oder Reaktionen sehen. Kommunikation selbst ist eine Zuschreibung, eine Konstruktion des Beobachters.

Verstehen als Selektion im Medium Sinn

Um zu verstehen, was Verstehen in diesem Rahmen bedeutet, erinnern wir uns an den Begriff Sinn, wie er in der Systemtheorie genutzt wird: Sinn ist in der Systemtheorie keine Bedeutung „an sich“, sondern die Unterscheidung von Aktualität (dem Gewählten) und Möglichkeit. Jeder aktualisierte Sinn verweist auf andere, nicht gewählte Möglichkeiten.

Das heißt: Wann immer etwas Sinn ergibt, hätte es auch anders Sinn ergeben können.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Verstehen präziser fassen:

Verstehen ist die Selektion einer Anschlussmöglichkeit im Medium Sinn.

Wenn eine Mitteilung erfolgt, eröffnet sie einen Horizont möglicher Anschlüsse. Verstehen besteht darin, eine dieser Möglichkeiten zu aktualisieren und damit die Kommunikation fortzusetzen. Gleichzeitig werden alle anderen Möglichkeiten – zumindest vorläufig – ausgeschlossen.

Diese Perspektive verschiebt den Fokus fundamental. Verstehen ist nicht die Wiedergabe eines vorgegebenen Sinns, sondern die Produktion eines Anschlusses. Einfach gesagt: Verstehen (systemtheoretisch) zeigt sich darin, dass Kommunikation weitergeht.

Der Bruch mit dem Alltagsverständnis

Im Vergleich zum Alltagsverständnis wird damit deutlich:

Erstens: Es gibt keinen unmittelbaren Zugriff auf „gemeinten“ Sinn.
Sinn ist immer Ergebnis von Selektion; er wird nicht übertragen, sondern in der Kommunikation erzeugt.

Zweitens: Verstehen ist kontingent.
Da jede Mitteilung mehr Möglichkeiten eröffnet, als realisiert werden können, ist nicht festgelegt, wie verstanden wird. Kommunikation ist daher unwahrscheinlich – und gerade deshalb erklärungsbedürftig. Und so erklärt Luhmann sie.

Drittens: Missverstehen ist kein Ausnahmefall.
Wenn Verstehen Selektion ist, dann impliziert jede Auswahl auch ein Nicht‑Auswählen. Missverständnisse sind nicht Störungen, sondern strukturell unvermeidlich.

Diese Einsichten lassen sich in einer zugespitzten Formel bündeln:

Verstehen geschieht nicht im Kopf, sondern im nächsten Satz.

Konsequenzen für Coaching

Zunächst: Die Systemtheoretische Perspektive als Theorie der Beobachtung – sozusagen als Metatheorie - hebelt die Möglichkeiten des Gefühls von Verstehen im alltagssprachlichen Sinn überhaupt nicht aus. Doch damit beschäftigt sie sich nicht auf der Microebene. Zum Verstehen im alltagssprachlichen Sinne würde die Systemtheorie wahrscheinlich „Anschlussfähigkeit“ sagen, ohne auszuformulieren, was das psychologisch bedeutet. Doch die Systemtheorie als Beobachtungstheorie bringt uns in die Beobachtung dessen, was passiert und lässt uns genau anders darauf schauen. So anders, dass wir nicht Gefahr laufen, dass wir meinen, alles zu verstehen. Dieses Verständnis von Verstehen hat erhebliche Konsequenzen für Coachingprozesse.

1. Verstehen ist kein Ziel, sondern Mittel

Im Alltag scheint es, als müsste der Coach den Klienten möglichst richtig verstehen. Systemtheoretisch verschiebt sich diese Perspektive:

Das Ziel ist nicht, den „wahren Sinn“ zu erfassen, sondern Anschlussmöglichkeiten zu erzeugen, die für den Prozess hilfreich sind.

Das bedeutet:
Ein „gutes“ Verstehen ist eines, das die Kommunikation anschlussfähig hält und neue Differenzen eröffnet – nicht eines, das Wahrheit beansprucht.

2. Missverstehen wird produktiv

Wenn Verstehen immer selektiv ist, dann ist jedes Verstehen zugleich auch ein Missverstehen – im Sinne der Nicht-Aktualisierung anderer Möglichkeiten.

Im Coaching kann genau darin ein Potenzial liegen.

Wenn ein Coach eine unerwartete Anschlussfrage stellt, die nicht der naheliegenden Deutung entspricht, kann das den Möglichkeitsraum erweitern. Es entsteht Irritation – und genau diese Irritation kann neue Perspektiven ermöglichen.

Missverstehen im Alltagsverständnis ist dann nicht mehr zu vermeiden, sondern bewusst nutzbar.

3. Fokus auf Kommunikation statt Psyche

Systemtheoretisch sind psychische Systeme (Bewusstsein) und soziale Systeme (Kommunikation) operativ getrennt, aber strukturell gekoppelt.

Das bedeutet:
Der Coach hat keinen direkten Zugriff auf die „Innenwelt“ des Klienten. Was zugänglich ist, ist ausschließlich Kommunikation.

Folglich verschiebt sich auch die professionelle Haltung:

  • weg vom Verstehen innerer Zustände
  • hin zur Beobachtung von Kommunikationsprozessen und ihren Anschlussmöglichkeiten

Der Coach arbeitet nicht an „Gefühlen“ oder „Gedanken“ an sich, sondern an den Formen, in denen diese kommunikativ relevant werden.

4. Verantwortung für Selektion – Unterschiedsbildung als Intervention

Wenn Verstehen eine Selektionsleistung ist, dann trägt der Coach Verantwortung dafür, welche Selektionsangebote er macht.

Jede Frage, jede Deutung, jede Intervention schließt an bestimmte Möglichkeiten an und schließt andere aus. Coaching wird damit zu einer Praxis der gezielten Differenzsetzung.

Oder anders formuliert:

Coaches arbeiten nicht an Lösungen, sondern an der Produktion von Unterschieden, die Unterschiede machen.

Schluss

Was im Alltag als selbstverständlich gilt – dass wir einander verstehen –, erweist sich systemtheoretisch als hoch voraussetzungsvolles Geschehen. Verstehen ist keine Übertragung von Sinn, sondern seine Selektion. Es sichert nicht Übereinstimmung, sondern Anschlussfähigkeit.

Für die Praxis, etwa im Coaching, bedeutet das eine doppelte Entlastung und eine neue Herausforderung zugleich:
Entlastung, weil niemand den „richtigen“ Sinn treffen muss oder gar kann.
Herausforderung, weil jede kommunikative Entscheidung den weiteren Verlauf mitbestimmt.

Vielleicht lässt sich das am Ende in einer einfachen Frage bündeln:

Nicht: Habe ich dich richtig verstanden?
Sondern: Welchen Unterschied macht es, wie ich an Deine Kommunikation anschließe?

Und genau darin liegt die operative Dimension dessen, was systemtheoretisch „Verstehen“ heißt. Für die Coachingpraxis brauchen wir an dieser Stelle eine Tiefung dessen, wie Anschlussfähigkeit im Kontakt gelingt. Und da kommt unser psychologisches Alltagsverständnis wieder ins Spiel - allerdings als Systemikerin immer ohne die Illusion, jemanden wirklich vollumfänglich verstehen zu können.